"Uncertain Time"


Einführung in die Ausstellung: Irina Wistoff, Museumspädagogin

Ausstellung vom 19.03.2023 - 09.04.2023 im Kunstraum Bad Honnef

"Ein leerer Raum als Kunst ist leichter zu erklären als ein Raum voll großartiger Bilder", stellte Markus Lüpertz fest. Bei der Vorbereitung für diese Einführung hat mich mir dieses Zitat als sehr wahr bewiesen, denn ich möchte Ihre Ohren und Geduld mit meiner ehrlichen Begeiseterung für diesen Raum voller wunderbarer Bilder -als Museumspädagogin und als Person Irina Wistoff - nicht überstrapazieren. Die Freude, die es mir bereitet, es dennoch zu versuchen, wird sich jedoch nicht verbergen lassen!

 

"uncertain time" ist der Titel dieser Ausstellung und eine "unsichere Zeit" ist es, in der wir uns gegenwärtig befinden. Krieg, Klimawandel, Werteverlust - gleichermaßen in

Gesellschaft und Finanzen, sind nur ein paar der Schlagworte, die mir zum Titel dieser Ausstellung spontan in den Sinn kommen.

 

Da in dieser Ausstellung die einladenden, öffnendenWerke von Jean Schlieber zu sehen sind, gibt es eine weitere Deutung des Ausstellungstitels, die mir schlüssig erscheint. Dazu gleich mehr.

 

Jean Schlieber versteht es, mit seiner unverwechselbaren Mischung aus Collage und Zeichnung meinen Blick einzufangen und nachhaltig zu beschäftigen. Schon beim ersten Hinsehen beginnt er eine wunderbares Spiel mit meinen Instinkten und Sehgewohnheiten: Ich bin aufgefordert, das Gesehene neu einzuordnen und zu bewerten. Ich erkenne zwar vertraute Reminiszenzen an die Kunstgeschichte in Bildzitaten, Lebewesen, Landschaften, Landkarten, Schriftzeichen und Gegenstände, befinde mich aber unversehens in einer Zwischenwelt aus Realismus und Surrealismus, durch die ich neugierig und behutsam zu navigieren beginne. Neuland! Grenzen werden überschritten, neu vermessen, definiert oder überwunden.

 

Wunderbar irritiert möchte ich bei der Entdeckung Details verknüpfen und das Gesehene verstehen. Dabei wird -fast unbemerkt- Blick für Blick meine Wahrnehmung intensiviert. Der Kunstwissenschaftler Bockemühl hat dies in treffend so formuliert: "Denn es gibt kein besseres Mittel die Wahrnehmung zu steigern, als die Kunst!".

 

Jean Schlieber spielt in seinen Werken mit dem fließenden Übergang innerer und äußerer Wahrnehmung. Beim ersten flüchtigen Blick ergeben sich ein harmonisch komponiertes Ganzes von hoher Ästhetik. Anziehende Farbkombinationen und perfekte Technik locken mein Auge. Doch mein Blick kann nicht gefällig weiterschweifen zum nächsten Werk. Ein Detail, eine ungewöhnlich gewählte Perspektive, ein bewusster Twist der Linien, eine überraschende Variation des visuellen Themas sorgt dafür, dass ich mir unbewusst innerlich Fragen zu stellen beginne. Fragen, die mich neugierig und wach machen. Schon bin ich "im Bilde" -und ich möchte bleiben!

 

Diese Werke wollen wie ein gutes Buch Zeile für Zeile, entschlüsselt und enträtselt werden. Ich verliere mich nur zu gern in ihnen und kann nie sicher sein, alles entdeckt und verstanden zu haben. Immer wieder neue <perlen blitzen in meiner Assoziationskette auf, nach denen ich gedankenverloren taste.

 

Besonders angetan haben es mir die jüngsten Werke Jean Schliebers: In ihnen verschmelzen seine bisher bekannten Bildwelten in eine Neue.

Die Oberfläche des Mondes wird zum Horizont einer neuen Welt, die es zu entdecken gilt. Fein ausgearbeitete Strukturen von Kratern, Felsen, Holz und Sand reizen meine Sinne. Unwillkürlich suche ich die Nähe der Bilder um die Hitze des Sandes, die warme Oberfläche des von Wind und Meer geglätteten Holzes und die vermeintliche Kühle des Mondgesteins -wenn auch nur mit Blicken- berühren zu wollen.

 

Es sind Werke voller Gegensätze, die seltsamerweise dennoch nicht widersprüchlich erscheinen: Hitze und Kühle, Erde und Mond, Weite und Nähe, Vergangenheit und Zukunft, alte und neue Welten verbinden sich zu etwas ungeahnt Neuem.

Auch meine Gefühle sind bei der Entdeckung der Werke voller Gegensätze: Ich erspüre die in der Weite der Landschaft Melancholie und Ruhe, in der Körperspannung der Pferde wilde Energie, den Kampf- und Entdeckergeist der Menschen auf Schiffen und Kamelen. Eine irritierende Gleichzeitigkeit, die mir auch aus dem Erlebten der realen Welt in unserer "uncertain time" nicht fremd ist.

 

Die perfekte Verschmelzung der Landschaften in Collage und Farbgebung, Tiefe und Fläche schafft eine zeitlose Bildwelt, in der mir vertraute Details aus früheren Werken einen sicheren Anker für meinen Blick geben. Von ihnen ausgehend, möchte ich Neues entdecken. Ich bin herausgefordert, neue Zusammenhänge und Perspektiven zu kombinieren, zu lernen. Dieser Herausforderung sehe ich mich ebenfalls in der realen Welt täglich gegenübergestellt. Auch in unserer sich ständig wandelnden Welt und Gesellschaft bin ich aufgefordert, zu lernen, mich zu entwickeln und mutig neue Wege zu suchen.

 

Jean Schlieber gelingt es in seiner ganz eigenen Art, durch die in seinen Bilderwelten symbiotische Verbindung von Vergangenheit und Zukunft, die Herausforderungen unserer gegenwärtigen Welt in mein Bewusstsein zu rufen. Ich erkenne sie als eine zeitlose Herausforderung, die die Menschen schon immer verbunden hat und immer verbinden wird. Wir -die Menschen- schaffen die Probleme. Wir sollten uns also auch ihrer Lösung annehmen. Eine Zuversicht gebende und Mut machende Perspektive öffnet sich mir, ohne den Ernst der Lage zu verkennen.

 

"Zeichnen ist eine Form des Nachdenkens auf Papier" , hat der Zeichner und Karikaturist Saul Steinberg festgestellt. Den Werken Jean Schliebers kann ich die vielschichtige Intensität mit denen der Künstler sich ihnen angenommen hat, entnehmen. Sie strahlen die tiefe Kontemplation, Konzentration und Ruhe aus, die notwendig war, um sie Linie für Linie aus Kopf und Hand des Künstlers entstehen lassen zu können.

 

Beim Anschauen wird mir weiterhin voller Respekt bewusst, wie groß Leidenschaft und Wissen des Künstlers sind, um diese Bildwelten in gleichermaßen technischer wie inhaltlicher Perfektion auf dem Papier so lebhaft lebendig werden zu lassen. Mit Akribie, Hingabe und Freude gelingen ihm zeitlose Werke von hoher Ästhetik. Dabei sind sie nie starr oder gewollt, wirken nicht konstruiert. Als Betrachtende empfinde ich ihren organischen Wachstumsprozess, die darin eingeflossene Lebenszeit komprimiert nach.

 

Dieses seltene Erleben wird bei meiner Expedition durch die Bilderwelten Jean Schliebers sicht- und spürbar: Ich empfinde wohlige Momente der völligen Konzentration bis hin zur Selbstvergessenheit. Ein seltenes Geschenk, so unvermittelt aus der Zeit, dem Alltag, der Routine heraustreten zu dürfen und sich ganz der entdeckenden Betrachtung eines Werkes hinzugeben zu können. Ich darf mir der Zeit mal nicht mehr sicher, nicht mehr bewusst sein... und wenn ich sie wieder wahrnehme, wenn ihr Fluss wieder einsetzt, kehre ich wie nach einem Powernap energetisiert in die Gegenwart, den Alltag zurück.

 

"Denn mein Glück bestand tatsächlich aus dem gleichen Geheimnis wie das Glück der Träume, es bestand aus der Freiheit, alles Erdenkliche gemeinsam zu erleben, außen und innen spielend zu vertauschen, Zeit und Raum wie Kulissen zu verschieben", meinte Hermann Hesse.

 

Dieses Glück, es mir wieder einmal zu erlauben, innere und äußere Welt spielerisch in Verbindung zu bringen, Erinnerungen, Träume und Assoziationen an die Oberfläche des Bewusstseins treiben zu lassen oder in Ruhe zu erleben, wie sich bei der Betrachtung eines Werkes innere Fragezeichen in Ausrufezeichen verwandeln, die Zeit vergessen zu können, Grenzen neu zu definieren und neue und alte Welten verschmelzen zu sehen... all dies schenkt diese Ausstellung. Dafür danke ich Jean Schlieber sehr. Seine Einladung in eine "uncertain time" möchte ich wieder und wieder annehmen und sie in seinen Werken erleben!

 

Irina Wistoff

 

 

 

"Grenzräume"


Rede von Dagmar M. Zimmer, Kunsthistorikerin,

zur Ausstellung vom 29.05. bis 24.06.2011 auf dem Petersberg

 

Jean Schlieber: Grenzräume

 

Jemand, ein Mensch hat das Bedürfnis sich auszudrücken. So entsteht Literatur, so entsteht Kunst.

 

Jean Schlieber hat das Bedürfnis sich auszudrücken. So entstanden zwischen 2000 und 2011 die siebzehn Zeichnungen dieser Ausstellung. Jean Schlieber gab ihr den Titel „Grenzräume“. Und schon sind wir mittendrin in siebzehn Bildräumen, die er in eigenster Bildregie gestaltete. Die Grenzräume sind nicht Bildtitel, sondern Teilbereich der jeweiligen Arbeit. Sie bilden, umschlossen von millimeterdicken schwarzen Linienbalken, abgegrenzt vom eigentlichen Geschehen der Zeichnung – wie Jean Schlieber es selbst formulierte – „geschützte Räume“. Dort darf der nun aufmerksam gemachte Betrachter große Entdeckungen machen.

Andere immer wiederkehrende gestalterische Elemente sind die Vermessungsstäbe, innerhalb derer der Mensch sich den Raum erobert. Areale entstehen auf diese Weise, die dem Auge Szenen anbieten, Dinge vorführen, ungewöhnliche Landschaften einfassen.

Ja, das betrachtende Auge muss sich einer dieser so wertvollen Zeichnungen von Jean Schlieber unbedingt vorbehaltlos nähern. Der Mensch, der schaut, muss sich dem ganzen Blatt langsam widmen, um es zu erfassen und zu genießen.

Es ist das Eigentümliche der Zeichnungen von Jean Schlieber, dass sie so kleinteilig sind. Sie bestürmen uns nicht mit starken Schraffuren oder hektischem Liniengetümmel. Ja, ich gehe soweit zu sagen, dass sie von weitem wie eine offene helle Fläche wirken.

 

Wie oft sich jedoch Jean Schlieber in monatelanger Arbeit über das einzelne Blatt gebeugt hat, um in allerfeinster Zeichenkunst die einzelnen Räume zu füllen, die Landschaften vor uns auszubreiten, die Bildzitate einzufügen, das können wir nur voller Respekt erahnen.

Damit ist keineswegs gemeint, dass es nur einfache, fleißige, gekonnt gemachte Zeichnungen wären, nein. Hier besticht das Feine des Technischen, das überraschende künstlerische Detail.

Am liebsten würde ich eine Zeichnung von Jean Schlieber von der Wand nehmen, sie vor mir auf den Tisch legen, schauen und verharren - so wie ich es von Jean Schlieber annehme – in den Stunden, Tagen und Wochen, in denen er sich mit dem einzelnen Blatt beschäftigt, es zum Leben erweckte und die Motive kommen ließ. Intuitiv geht dieser außerordentliche Künstler vor.

Ganz in der Freiheit der selbst bestimmten Künstlerpersönlichkeit arbeitet er ohne Genrezwänge, ohne ein im Kopf fertiges Bild- oder Kompositionskonzept. Das Blatt füllt sich, wird zum Raum, wobei die Grenzräume die Bereiche schützen, wo man leben könnte.

Es ist kein schwärmerischer Zustand mit dem Betrachten dieser Zeichnungen verbunden, was sich nach dem Gesagten vielleicht vermuten ließe. Es ist eine Entdeckungsreise, sich auf die einzelne Zeichnung einzulassen. Und wieder darf der Betrachter alles mitbringen, was er selbst aus der Kunst schon kennt, was er gern auch dort wieder erkennt. Und so entdeckt er vergnügt den Breughel, den Vermeer, den Raffael, den Bellini und all die anderen großen Künstler der Kunstgeschichte, deren Werke Jean Schlieber mal als farbigen Papierdruck in seine Zeichnungen collagiert oder auch in elegantem Kästchen in den dicken Karton des Passepartouts hinein schneidet und so dem Bildzitat einen herausgehobenen Platz zuweist.

 

Niemals sind die Zeichnungen von Jean Schlieber jedoch bunt zu nennen. Die Farbe blitzt auf wie der Humor so mancher mit dem Bleistift gestalteten Szene.

Jean Schlieber hat zwar einen Radiergummi, aber er benutzt ihn nicht. Sicher arbeitet er, wobei einzelne Teile des Blattes abgedeckt bleiben, um sie rein zu halten, bis alles fertig ist. Seine Stifte sind so genannte Fallstifte aller Härtegrade.

Erwähnenswert scheint mir noch, dass es von Jean Schlieber eigene Notizen zu eigenen Zeichnungen gibt, um sich später genau zu erinnern, wie sie technisch entstanden sind.

Jean Schlieber ist ein freier Künstler. Er ist Drucker. Er lebt damit. Er atmet in seinen Zeichnungen. Er unterliegt keinen Zeitströmungen. Jean Schlieber verschafft seiner eigenen künstlerischen Stimme Gehör im – so aktuellen wie nie! – Medium der Zeichnung.

 

Dazu zum Abschluss einige Anmerkungen:

Die Zeichnung ist im Vergleich zum Bild ein preisgünstigeres Medium.

Qualitativ ist sie inzwischen ein gleichrangiges Medium geworden.

In Heft 1/2011 der Zeitschrift JUNGE KUNST schrieb der Kunsthistoriker, Dr. Peter Lohmeyer, unter dem Titel „Ich sehe, was ich zeichne“ einen bemerkenswerten Artikel über die „Neue Lust an der Zeichnung“.

2009 widmete die in Fachkreisen sehr geschätzte Publikation „Kunstforum International“ der Zeichnung ein eigenes Themenheft.

2008 zeigte das Essener Museum Folkwang unter dem Titel „Zeichnung als Prozess“ nicht-gegenständliche, prozessorientierte Arbeiten mit schönem Erfolg.

2010 bis zum Beginn diesen Jahres gönnte das Museum für Gegenwartskunst in Siegen einer viel beachteten und mit großer Resonanz besprochenen Ausstellung mit dem Titel „Je mehr ich zeichne“ den Untertitel „Zeichnung als Weltentwurf“.

2010 im Bonner Kunstmuseum, das eine ganz herausragende Abteilung für Papierarbeiten besitzt, war die der Zeichnung der Gegenwart gewidmete Ausstellung „LINIE LINE LINEA“ zu sehen.

Bis heute, dem 29. Mai 2011, unterstreicht die Ausstellung „Kompass – Zeichnungen aus dem MOMA New York“ im Berliner Martin-Gropius-Bau, dass das weltweit anerkannte MOMA durch eine hochkarätige Sammlungsschenkung einen neuen Schwerpunkt zu setzen beginnt.

Die Nobelzeitschrift für Kunst und Antiquitäten „Weltkunst“ widmete in Heft 3 diesen Jahres der „Tefaf on Paper“, dem erst im vergangenen Jahr neu etablierten eigenständigen Bereich der Maastrichter Tefaf-Kunstmesse, einen ausführlichen Bericht.

Parallel zur Tefaf 2011 wurde im Bonnefanten-Museum unter dem Titel „Schätze aus Moskau“, eine Ausstellung aus dem Puschkin-Museum mit neunzig niederländischen Zeichnungen des 17. Jahrhunderts gezeigt.

Damit wurde auch der Aspekt der Zeichnung als traditionelles Bildmedium gewürdigt und in einen kunsthistorischen Zusammenhang gestellt.